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Zum alljährlichen Konzert in Dessau bat l'arc six am Sonnabend in die Marienkirche. Alte und neue Lieder erklangen im ausverkauften Haus und vor begeisterten Fans.
Von Thomas Altmann,
(„Mitteldeutsche Zeitung“, 3.5.2005)
So ein Königreich ist nicht möglich. Hier sollen sich Bananen-Scheiben-Gesichter in blühende Bilder verwandeln. Hier braucht keiner Krone oder Zepter, niemand einen Thron. „I´m sending you a letter sealed with blank hope“ - die Band hat einen Briefkasten voll solcher Episteln, „besiegelt mit purer Hoffnung“, atmende Liebesbriefe, suchende Ahnungen, streunende Bilder.
„The Impossible Kingdom" wird der Titelsong der neuen CD sein, die in diesem Jahr erscheinen soll. Am Sonnabend standen Teelichter auf den Sockeln der Säulen in der Marienkirche. Jeder Schemel ein Thron und manche müssen Stehkarten kaufen. Unter den Spitzbögen der Kirche versendet l´arc six einen ganzen Reigen sanfter Spannungsbögen, die so komplex sein mögen wie manch gotisches Bogengeflecht, die aber nicht wie ihre steinernen Kollegen auf festem Grund permanent himmelwärts streben. Eher gräbt sich die Musik in den Himmel, um durch die Erde zu fliegen. Es sind eben Lyriker, die fünf Musiker von l´arc six. Sie flüstern und raunen, sie rufen und erzählen. Thomas Rüdiger und Falk Röske (Percussion) pumpen Blut hinein, es fließt und pulsiert. Cello (Gerald Manske), Piano (Christoph Reuter), Saxophon und Flöte (Jörg Naumann) - die unkonventionelle Besetzung ist längst Tradition. Kristin Wieduwilt findet balladeske Töne zwischen klarer Zärtlichkeit und taumelnder Kraft. Jörg Naumann singt mit erzählender Verschwiegenheit und malt Träume mit dem Saxophon. Das Streichquartett hinter den Musikern sorgt für Tiefe, Dramatik und Farbigkeit. Aber in der großen Besetzung lauert wohl auch die Gefahr, dass l'arc six die Bögen zu sehr glättet.
Es geht wie so oft ans Eingemachte: „Canned Peaches". Die Musiker haben Gäste, ein Bläserquartett. Ihr Vorspiel ist so lebendig wie farbenfroh, so feinnervig wie satt. Dann streicht das Cello Melancholie in das Kirchenschiff. Schließlich ist auch der Text voll genüsslicher Kümmernisse: „Day in, day out - wir füttern uns mit Erinnerungen: eingemachte Pfirsiche, in Flaschen gefüllte Sonnenstrahlen, verpackte Herzen, Küsse in Kisten". In der englischen Kürze hört sich das alles noch viel besser an.
Ob nun Kiesel- oder Edelstein, auch die Texte spielen mit schwebenden Bildern. „Why?“ - „Warum ein anderes Lied über den Mond“, wenn alles schon gesagt ist? Jetzt verlässt man die stillen Pfade der Lyrik. Naumann entschuldigt sich förmlich, als er „Jazz von der harten Sorte" ankündigt. Die „Härte“ ist seine Sache nicht. Am Saxophon meistert er spielend alle Gefühlslagen. Warum also nicht? Am Ende des Liedes steht die Mahnung, nur den eigenen Sinnen zu vertrauen. Anderswo heißt es: „Geheimnisse gehen verloren, wenn sie geöffnet werden“. Aber wer wollte hier entblättern?
L´arc six umspielt traumverloren tastend das Geschehen. Konsonanten gewinnen Raum im Kirchenschiff, im Ohr, irgendwo. Wunder bleiben wunderbar nah an der Erde. Und die Teelichter brennen noch immer.
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